Die Nebenhölle

 

Mein Kunden-Erlebnis aus dem Apotheken-Alltag:

Frau Schnuppi* beschwert sich: „Sie haben mir einen Kinder-Nasenspray verkauft, der nützt gar nix, und er fließt immer vorher schon wieder raus!
Außerdem habe ich auch in der Nebenhölle und im Kiefer ein Druckgefühl. Wie kriegt man den Schleim da am besten raus?“


Der Nasenspray:
Es stellte sich heraus, dass es sich beim Wirkstoff um ein Oxymetazolin handelte.
Auf der Spraypackung für Erwachsene (und Schulkinder) steht 0,05 %. Der Mann der Kundin hatte tags zuvor extra diesen Spray verlangt, unbedingt auch mit der Glasflasche.

Kundenbrille: Andere Nasensprays zum Abschwellen der Nasenschleimhaut enthalten den Wirkstoff Xylometazolin 0,1 %. Den hatte sie wohl früher verwendet. Und da scheint ja doppelt so viel Wirkstoff drin zu sein.
Aber: Die Wirkstoffe unterscheiden sich von ihrer Struktur recht wenig (beide Imidazolderivate) , der Wirkungsmechanismus ist bei beiden gleich gut, auch wenn sie anders dosiert werden.
Sowohl Oxymetazolin 0,05% als auch  Xylometazolin 0,1 % sind für Erwschsene geeignet.

Sie wirken beide als sog. Alpha-Sympathomimetika. Die Blutgefäße verengen sich und die Schleimhaut schwillt ab. Gleichzeitig verbessert sich die Belüftung der Nasennebenhöhlen und der Eustach’schen Röhre. Deshalb sinkt auch die Gefahr einer Ausbreitung des Infektes auf Nasennebenhöhlen und Mittelohr.
Der Patient kann wieder frei atmen und schmecken, und das „Nasenlaufen“ bessert sich.

Mein Tipp: Abschwellende Schnupfenssprays nicht länger als 7 Tage verwenden, denn danach tritt eine Gewöhnung mit Schleimhautschädigung ein (reaktive Hyperämie).

Wir unterscheiden :
Rhinitis:
entzündliche Veränderung der Nasenschleimhaut, das führt dann zum Anschwellen der Nasenschleimhaut.
Sinusitis: entzündliche Veränderung der Nebenhöhlen.
Meistens handelt es sich um eine akute RhinoSinusitis (ARS), und das ist eine der häufigsten Erkrankungen der Menschheit überhaupt.
Meistens geht so was nicht ohne Kopfschmerzen einher. Nase, Stirn, Wangen, alles drückt. Das Bewusstsein trübt sich, die Konzentration leidet.

Wenn auch abschwellende Nasentropfen nicht helfen: „Wie kriegt man den Schleim aus dem Kopf am besten wieder raus?“

Die Wirkung der  abschwellenden Schnupfenssprays ist hauptsächlich auf die unteren Nasengänge beschränkt. Die Nebenhöhlen werden nicht belüftet, das Sekret kann dort nicht abfließen. Der Abfluss ist verstopft.

Die Nasennebenhöhlen sind normalerweise gut belüftet. Bei einem Schnupfen wird der Sekretabfluss durch Schwellung der Schleimhäute behindert. Das gebildete Sekret kann nicht mehr abließen.
Ich empfehle Pseudoephedrin- oder Kombinationspräparte aus systemischen Dekongestiva und nichtsteroidalen Antiphlogistika  (zum Beispiel Pseudoephedrin / Ibuprofen).

Die Wirkweise von Pseudoephedrin (PSE) kann man sich als abschwellendes Nasenspray von innen vorstellen. Das Tolle: Im Gegensatz zu den meisten Nasensprays kann das PSE auch die Schleimhäute der Nebenhöhlen erreichen. Der Druck im Kopf lässt nach und der Alltag lässt sich wieder besser bewältigen.

Bitte Beipackzettel beachten : „Wenden Sie sich an Ihren Arzt, wenn Sie sich nach 5 Tagen nicht besser oder gar schlechter fühlen. Ab 15Jahre. Die Fähigkeit zum Führen eines Fahrzeugs und zum Bedienen von Maschinen kann vorübergehend eingeschränkt sein. Kann müde machen!


Was Frau Schnuppi noch hilft:

  • Rotlicht, warme Hals- und Brustwickel.
  • Dexpahtenol-Nasenspray wirkt entzündungshemmend und verhindert das Austrocknen der Schleimhäute.
  • Inhalationen mit ätherischen Ölen und Salzwasser befeuchten die Schleimhäute und können zu einer schnelleren Genesung führen.
  •  anthroposophische Arzneimittel
    Cochlearia armoracia 10 % Salbe° von Weleda (Meerrettich)
    Anwendungsgebiete: für die Harmonisierung der Empfindungsorganisation bei entzündlichen Erkrankungen des Atmungssystems.
    Sinudoron° Tropfen von Wala für die Akutbehandlung und Nachbehandlung der Erkältung, bei Entzündungen des Nasen-Rachen-Raumes und der Nasennebenhölen, z.B. bei Schmerzen und Schwellungen im Bereich Stirn, Wangen und Rachen.
  • Pflanzliche Medikamente wie Pelargonium sidoides, Myrtole und Sinupret°.
  • In jedem Fall sollte man sehr viel trinken, wobei sich vor allem Tees oder Mineralwasser eignen.
  • Außerdem ist viel Ruhe und Schlaf sinnvoll. In jedem Fall sollte man die einfache Erkältung nicht unterschätzen und den Körper zu schnell wieder stark belasten, da es ansonsten zu einem Rückfall kommen kann, welcher dann häufig schwerer verläuft.

Wenn sich Schnupfen und die Erkältung nach 10 Tagen nicht bessern, sollte Frua Schnuppi vielleicht doch mal beim Doktor vorbeischauen – nicht, dass man da was verschleppt.
Bakterien können sich vermehren und es kann zu einer Entzündung der Nebenhöhlen kommen.

 

„Ich brauche einen Nasenspray.“
Was gibt es denn da noch für Fragen?!

In der Apotheke klären wir Folgendes ab, um das richtige Spray für den Kunden zu finden:

 

„Für wen ist das Spray denn, ich frage wegen der Stärke bzw. für Erwachsene oder Kinder?“

„Wer ist denn der Patient?“

„Wie schlimm ist der Schnupfen?“

„Handelt es sich um eine Erkältung oder um Heuschnupfen?“

„Wie geht es ihrem Kopf? Sind die Nebenhöhlen auch betroffen?“
„Haben Sie einen Druck oder Schmerzen im Kopfbereich?

„Ich sehe, sie hat es richtig erwischt. Was macht ihnen denn die größten Beschwerden?“

„Welches Nasenspray hat ihnen denn das letzte Mal gut geholfen?“

„Ist es chronisch oeder akut?“

„Leiden Sie unter trockener Nasenschleimhaut?“
„Können Sie noch riechen?“

 

 

 

Abschwellende Nasentropfen helfen sehr rasch, trocknen bei längerer Anwendung aber auch die Schleimhäute aus. Ich empfehle Sprays oder Tropfen ohne Konservierungsmittel, die sind milder.
Nachfragen sollte man auch Unverträglichkeiten, allergische Reaktionen auf Inhaltsstoffe, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Augeninnendruck (Glaukom), Einnahme von blutdrucksteigernden Medikamenten. Schwangerschaft und Stillzeit.

Der Verkauf eines einfachen Nasensprays scheint eine äußerst komplizierte und zeitintensive Angelegenheit zu sein…
Ich persönlich habe mit Nach-Fragen nur gute Erfahrungen gemacht. Meine Kunden lieben übrigens auch Fragebögen. Dann nämlich, wenn es sich um Beschwerden handelt wie Haarausfall, Tinnitus, Darmprobleme, Nebenwirkungen von starken Medikamenten und Schlafproblemen. Hier kann ich mit Hilfe eines Fragebogens der Sache viel besser auf den Grund gehen.

 

Manchmal fällt uns keine passende Frage ein.
Als Einstieg orientiere ich mich dann an an folgenden Punkten:

Sortiment: wir haben ein breites Angebot.

Beratung: ich biete eine fachkundige Hilfe bei der Kaufentscheidung an.

Behandlung: ich bin freundlich und interessiert, auch nach einem Einwand. Ich erkenne die Kundenwünsche an und respektiere seine Einwände oder Vorwürfe.


Auch das: „Ihre Fragerei nervt!“

Das kann ich verstehen, vor allem, wenn man es eilig hat und genau weiß, was man will.

Rotzdem, äh trotzdem:
Im Normalfall ist der Kunde aber Laie, und wir sind die „Fachfrauen“.

  • Wir wollen dem Kunden die optimale Lösung für sein Problem anbieten.
  • Wir wollen Ihm den Nutzen und die Vorteile der angebotenen Produkte erklären.
  • Dazu müssen wir seine Bedürfnisse kennen.

 

Zu diesem Artikel haben mich meine Kunden, meine eigene Erkältung und der Vortrag  „Evidenzbasierte Behandlung oberer Atemwegsinfekte“ von Prof. Dr. med. Ludger Klimek motiviert, den ich mir im März 2016 in Villingen-Schwennigen angehört habe.
44. Frühjahrskongress Villingen-Schwenningen „Hals-Nasen-Ohrenerkrankungen – ein Kongress mit Biss“, Villingen-Schwenningen, 12.03.2016 bis 13.03.2016

Mein Buchtipp: Willi Virus: Aus dem Leben eines Schnupfenvirus von Heidi Trpak
Ein Buch mit Lerneffekt für Kinder ab 5 Jahren.
Als Ich-Erklärer tritt der angesprochene Willi auf, der ein Rhinovirus ist und Schnupfen verursacht. Er erklärt humorvoll, wie er zu uns Menschen kommt, von Mensch zu Mensch übertragen wird, in uns Menschen sein Leben fristet und ggf. bekämpft wird. Die Illustrationen stammen von der Künstlerin Nora Leitl, die durch die Wahl innovativer Illustrationstechniken (u. a. mit gefrorener Gelatine) einen wunderbaren Einblick in diese faszinierende und beeindruckende Mikrowelt ermöglicht.

 

 

Uta Signature transparent bw 2Viel Luft zum Atmen und freundliche Nebenhöhlen wünscht

 

 

 

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2 Gedanken zu „Die Nebenhölle

  1. Hallo Uta, man kann mit dem abschwellenden Nasenspray zumindest einen Teilbereich der Nebenhöhle erreichen. Man muß dazu parallel zum Sprühen intensiv durch die Nase einatmen. Liebe Grüße Andrea 🙂

    • Vielen Dank für Deinen Tipp, liebe Andrea!
      Ein Problem gibt es allerdings, wenn die Nase total verstopft ist. Dann kann man leider den Spray nicht intensiv einatmen, und er läuft tatsächlich wieder raus.

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