Was hat Gicht mit Mittelmeer zu tun?

Kannst Du Dir vorstellen, was passiert, wenn man schon die fertige Lösung für den Kunden im Kopf hat?

Südländischer TypEin südländisch aussehender Kunde überreichte mir sein Rezept über Colchicin . Wie würdest Du den Kunden ansprechen und beraten?

Folgendes hat sich zugetragen, weil ich mein Gegenüber ev. nicht richtig verstanden habe, bzw. weil ich schon einen Lösungsansatz im Kopf hatte. Für mich war der Fall  klar: Colchicin bedeutet Gichtanfall. Das Gift der Herbstzeitlosen verhindert oder unterbricht – rechtzeitig eingenommen – einen Gichtanfall. Dieses Medikament ist spezifisch, denn es wirkt gegen keine andere Art der Entzündung und auch nicht gegen Schmerzen als solche. Die Wirkung des Colchicins beruht vielmehr auf einer Hemmung der Beweglichkeit der Leukozyten (Fresszellen) und damit der Aufnahme der Harnsäurekristalle. Dies unterbricht in einem Gelenk eine Kette von Ereignissen, die in einem Gichtanfall gipfeln.

Stopp!  STOP! Wie sieht deine Beratung aus?

Ich habe gefragt: „Wie schlimm sind denn Ihre Beschwerden?“ mit dem Gichtanfall im Sinn, der ja sehr schmerzhaft ist.
In gebrochenem Deutsch antwortete der Kunde: „Na ja, die Bauchschmerzen sind schon unangenehm.“
Ich wunderte mich, was er wohl damit meint. „Wie oft sollen sie denn die Tabletten einnehmen?“
Er erwiederte mir daraufhin, dass er das Medikament regelmäßig jeden Tag einnimmt. Auf Dauer?! Irgendwas lief hier total schief, diese Antwort hatte ich nicht erwartet. Wie lautet denn die übliche Dosierung von Colchicin?

Genau, eine maximale Einzeldosis von 2mg und eine maximale Tagesdosis von 6mg laut Deutschem Arzneimittelbuch. In geringen Dosen kann Colchicin auch zur Anfallprophylaxe verwendet werden. Es verändert die Harnsäurekonzentration nicht, deshalb wird bei chronischer Hyperurikämie Allopurinol eingesetzt. Allopurinol reduziert die Harnsäurebildung.

Nun wollte ich der Sache auf den Grund gehen:“ Wie genau äußern sich denn Ihre die Beschwerden?“. Daraufhin betonte der Kunde, das er die Erkrankung bereits seit seiner Kindheit hat, aber durch die regelmässige Einnahme von Colchicin wiederkehrende Schübe verhindern kann. Er muss das Medikament für den Rest seines Lebens einnehmen. Ich erklärte ihm meine Verwunderung, da ich Colchicin nur im Zusammenhang der Behandlung eines Gichtanfalles kannte. Er erklärte mir, seine Erkrankung sei Familiäres Mittelmeerfieber, eine genetische Erkrankung, die meistens Personen aus dem Mittelmeerraum und den Mittleren Osten betrifft.

Besser wäre in diesem Fall also gewesen: „Kennen Sie Ihr Medikament bereits?“
Und: „Wogegen genau nehmen Sie Ihr Medikament momentan ein?“, ergänzend ev.: „nur damit ich mit Ihnen die Dosierung besprechen kann…“
Denn wenn ich nun nicht weiter nachgefragt hätte und weiterhin von Gicht ausgegangen wäre, müsste nach einem akuten Anfall die Dosis reduziert oder abgesetzt werden.

Warum soll ich Fragen stellen?

Duch Fragen zeigst Du Interesse an Deinem Kunden, Du gewinnst so sein Interesse
und erhälst seine Aufmerksamkeit.
Durch Fragen kannst Du optimal auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen und gezielt beraten. So verhinderst Du, dass Ihr aneinander vorbeiredet.
Wenn man versucht, mit offenen Fragen auf den Kunden einzugehen und ihn zuerst zu verstehen, kann man eventuelle Fehlberatungen besser verhindern. Dies zeigt wieder einmal wie wichtig es ist, dem Kunden genau zuzuhören und jeden neuen Kunden unvoreingenommen neutral anzugehen und die Situation durch offene Fragen zu klären.

Infos zu Familiärem Mittelmeerfieber: Autoinflammation Reference Center Tübingen.  Von dort bekam ich auch
– Einen Fragebogen für die Patienten , in dem sie detailliert notieren, wie schwerwiegend die Symptome sind.
– Eine detailierte Beschreibung der Erkrankung und welche regelmäßigen Kontrolluntersuchungen erforderlich sind.

Wie sprecht Ihr die Kunden bei schwierigen Themen an? Und welche Missverständnisse habt Ihr erlebt?
Ich bin gespannt auf Euer Feedback. Nutzt einfach das Kommentar-Feld unten. Grazie!

Bis nächsten Freitag!

Eure Uta Beerhenke

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3 Gedanken zu „Was hat Gicht mit Mittelmeer zu tun?

  1. Toller Artikel! Ich hätte auch nicht gewußt,dass es Mittelmeerfieber gibt und dass das mit Colchicin behandelt wird.

    Viele Grüße von Miriam Stenzel

  2. Sehr interessant! Mein Kinder nehmen beide Colchizin, 4 und 6 Jahre. Der Apotheker hat sich am Anfang auch gewundert, mittlerweile weis er über FMF Bescheid. Andere Apotheken besuche ich nicht mehr, weil die mit mir zu diskutieren anfangen dass das Medikament nicht für Kinder sei. Haben Sie von der Uni-tübingen für mich mehr Informationen wie sie geschrieben haben?

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